„Pick ist nicht Pick“ – warum 300 Picks/h alles und nichts bedeuten
„Unsere Kommissionierer schaffen 300 Picks pro Stunde.“ Solche Aussagen gehören zum Standardrepertoire in Logistikdiskussionen.
Sie werden in Meetings präsentiert, in Benchmarks verglichen und nicht selten als Grundlage für strategische Entscheidungen herangezogen.
Und doch sagen sie – für sich genommen – exakt nichts aus.
Denn ein Pick ist nicht gleich ein Pick.
Und eine Pickleistung ist keine objektive Eigenschaft eines Lagers, sondern das Ergebnis zahlreicher Rahmenbedingungen, die in vielen Vergleichen ausgeblendet werden.
Wenn Kennzahlen Sicherheit vorgaukeln
Kennzahlen haben eine enorme Anziehungskraft. Sie versprechen Objektivität, Vergleichbarkeit und schnelle Einordnung.
Gerade „Picks pro Stunde“ scheint auf den ersten Blick intuitiv verständlich: mehr ist besser, weniger ist schlechter.
In der Praxis führt genau diese Vereinfachung jedoch häufig zu falschen Schlussfolgerungen. Aussagen wie:
- „Wir sind langsamer als Benchmark X“ oder
- „Andere schaffen deutlich mehr Picks pro Stunde“
entstehen oft ohne zu klären, was eigentlich verglichen wird.
Das Ergebnis: scheinbare Produktivitätslücken, die in Wahrheit keine sind – oder zumindest ganz andere Ursachen haben.
Pick ist nicht gleich Pick
Der erste Denkfehler liegt bereits in der Einheit selbst.
Ein Pick kann vieles sein:
- ein einzelnes Stück
- eine Position innerhalb eines Auftrags
- eine komplette Auftragszeile
- ein Behälter, ein Karton oder sogar eine Palette
Ein Auftrag mit einer Position und zehn Stück erzeugt
eine völlig andere operative Realität als ein Auftrag mit zehn Positionen zu je einem Stück – selbst wenn beide am Ende als „10 Picks“ gezählt werden. Trotzdem tauchen beide Varianten in vielen Kennzahlensystemen unter derselben Überschrift auf.
Hinzu kommt die Frage, ob Einzel- oder Mehrpositionspicks vorliegen, ob Aufträge gebündelt werden oder sequenziell abgearbeitet werden und ob es sich um homogene oder gemischte Einheiten handelt. Ohne diese Differenzierung verliert jede Pickkennzahl ihren Aussagewert.
Prozess schlägt Kennzahl
Noch gravierender wird das Problem, wenn der Prozesskontext ignoriert wird.
Zwei Lager mit identischer Artikelanzahl und gleichem Personalbestand können völlig unterschiedliche Pickleistungen aufweisen – nicht wegen der Mitarbeiter, sondern wegen:
- Layout und Gangstruktur
- Lagerplatzvergabe
- Wegführung und Routing
- Batch- und Zonenlogik
Ein hoher Laufweganteil reduziert die Pickleistung automatisch, unabhängig davon, wie schnell gegriffen wird. Umgekehrt können kurze Wege und gut platzierte Artikel auch bei moderatem Arbeitstempo hohe Outputzahlen erzeugen.
Wer Pickleistungen vergleicht, ohne Lauf- und Greifanteile zu trennen, vergleicht nicht Menschen – sondern Lagerstrukturen.
Zeit ist nicht gleich Zeit
Ein weiterer blinder Fleck liegt in der Zeitdefinition.
Was genau zählt als Pickzeit?
- Nur der Greifvorgang?
- Inklusive Suchen, Bestätigen, Ablegen?
- Mit oder ohne Unterbrechungen?
- Mit oder ohne Wartezeiten durch Stau, Nachschub oder Systemreaktionen?
In vielen Fällen ist nicht einmal klar, ob die erfassten Zeiten aus dem WMS stammen, aus Scannerdaten abgeleitet sind oder manuell geschätzt wurden. Dennoch werden daraus Kennzahlen gebildet, verdichtet und verglichen.
Das Problem ist nicht die Kennzahl selbst – sondern die fehlende Transparenz darüber, was sie tatsächlich misst.
Wenn falsche Vergleiche teuer werden
Die Folgen bleiben selten auf operative Diskussionen beschränkt. Unsaubere Kennzahlen wirken bis in strategische Entscheidungen hinein.
Wenn Pickleistungen zu niedrig erscheinen, entsteht schnell der Eindruck fehlender Leistung. Wenn diese Leistungslücke nicht weiter analysiert wird, führt der Weg häufig zu:
- zusätzlichen Mitarbeitern
- höherem Automatisierungsgrad
- größeren Lagerflächen
Dabei liegt die eigentliche Ursache oft nicht in der Leistung der Kommissionierung, sondern in der Bewirtschaftung, der Organisation oder der Datenbasis. Das Ergebnis sind Investitionen, die Symptome behandeln, nicht Ursachen.
Gerade in der frühen Phase von Lagerplanungen oder Erweiterungsprojekten zeigt sich dieses Muster besonders deutlich: Kennzahlen werden extrapoliert, ohne ihre Entstehung zu hinterfragen – und bilden damit ein fragiles Fundament für weitreichende Entscheidungen.
Ein pragmatisches Fazit
Pickkennzahlen sind nicht falsch. Sie sind notwendig. Aber sie sind nur dann sinnvoll, wenn klar ist:
- welche Einheit gezählt wird,
- in welchem Prozesskontext sie entsteht,
- und auf welcher Datengrundlage sie basiert.
„300 Picks pro Stunde“ kann exzellent sein – oder alarmierend. Ohne Kontext bleibt es eine Zahl ohne Bedeutung.
Wer Logistikleistungen vergleichen, optimieren oder planen will, muss deshalb einen Schritt zurückgehen: weg von der reinen Kennzahl, hin zum Verständnis des Systems, das sie erzeugt.
Denn erst wenn klar ist, was gemessen wird und warum, lassen sich fundierte Aussagen treffen – über Produktivität, über Potenziale und letztlich auch über die Notwendigkeit von Investitionen.
Wenn Sie Fragen zu diesem Thema haben, wenden Sie sich gerne jederzeit an uns unter office@ifl-consulting.at.
Unser Team freut sich Sie kennenzulernen und Ihre Fragen zu beantworten.